Interview: Digitale Veränderungen anstoßen und umsetzen

Mit dem Steuerberaterverband Schleswig-Holstein  (Geschäftsführerin Dr. Yvonne Kellersohn und Präsident Lars-Michael Lanbin) sprach ich kürzlich über die Digitalisierung und die zukünftigen Herausforderungen an den Berufstand. Mich hat es natürlich sehr gefreut, zu diesem Thema befragt zu werden. Nicht zuletzt da es genau das Thema ist, das mich tagtäglich beschäftigt und begleitet. Lesen Sie hier das komplette Interview (erschienen in den Verbandsnachrichten 2/2017 des Steuerberaterverbands Schleswig-Holstein). 

Verbandsnachrichten (VN): Herr Hermanutz, wir danken Ihnen für die Gelegenheit, Ihnen einige Fragen stellen zu dürfen. Das Wort „Digitalisierung“ ist schon lange in aller Munde. Was heißt Digitalisierung für Sie?   

Ungeachtet jeder Begriffsdefinition verstehe ich unter Digitalisierung die Veränderung und vor allem Automatisierung von Arbeitsschritten durch Nutzung von Technologien.

Schon seit Jahrzehnten konnten wir sowohl im Privat- als auch im Berufsleben von den daraus resultierenden Vereinfachungen und Zeitgewinnen profitieren – sei es durch Nutzung von Navigationssystemen, durch immer ausgereiftere Softwareanwendungen und selbstverständlich die Möglichkeiten, die uns das Internet und die mobilen Anwendungen bieten.

Neu und mittlerweile nahezu unkalkulierbar ist die enorme Geschwindigkeit, mit der durch die Digitalisierung Geschäftsprozesse, aber auch ganze Branchen verändert werden. Die Nutzung der technologischen Möglichkeiten wird durch smarte, intuitive Nutzeroberflächen – auch von mobilen Endgeräten – zum Kinderspiel. Das trägt zusätzlich zur Beschleunigung bei. Während früher viele Dinge nur technikaffinen Menschen zugänglich waren, wird durch Simplifizierung heute nahezu jeder in die Lage versetzt, die vorhandenen Technologien auch zu nutzen – durch smarte und coole Anwendungen, die Spaß machen und ein Erlebnis stiften.

Wie wird die zunehmende Digitalisierung die Arbeitswelt in den Kanzleien verändern? Wo liegen die Chancen?

Bereits heute ist der Digitalisierungsgrad in den Kanzleien sehr unterschiedlich. Während die eine Kanzlei bereits völlig papierlos arbeitet, sind andere noch sehr traditionell geprägt. Schon heute lassen sich viele Arbeitsabläufe weitgehend automatisieren. Auch die Mandantengewinnung geschieht vermehrt über digitale Kanäle. Im Ergebnis sind viele Kanzleien heute bereits sehr viel effizienter und dadurch überhaupt noch in der Lage – bei zunehmendem Fachkräftemangel und höheren Lohnkosten – Standardaufgaben gewinnbringend abzuarbeiten. Viele reine Erfassungstätigkeiten auch komplexerer Geschäftsvorfälle und die Erstellung von einfacheren Steuererklärungen werden sich weiter automatisieren.

Das bedeutet für die Kanzlei, dass sich Tätigkeiten und Qualifikationen der Mitarbeiter verändern werden. Sie werden höher qualifizierte Aufgaben wahrnehmen, die aber auch entsprechend höher abgerechnet werden können. Unter dem Strich sehe ich deshalb sehr weitreichende Chancen, die es aber auch zu nutzen gilt. Wer sich von der derzeitigen Komfortsituation, die vor allem auf den im europäischen Ländervergleich absolut unüblichen berufsrechtlichen Regularien beruht, blenden lässt und abwartet, könnte es in Zukunft schwer haben, wettbewerbsfähige Leistungen anzubieten, Mandanten zu binden, Mitarbeiter zu gewinnen und vor allem seine Kanzlei werthaltig aufzustellen.

Birgt die Digitalisierung auch Risiken?

Leider ja. Vor allem für diejenigen, die dieses Thema nicht auf die höchste Prioritätsstufe setzen. Es gibt viele Marktstörungen und etliche Beispiele, wie sich ganze Branchen verändert haben, wenn Sie Marktentwicklungen übersehen oder sich zu viel Zeit gelassen haben. Gerade durch die bereits erwähnte Geschwindigkeit kann man schnell den Anschluss verlieren. Gefahren drohen von vielen Seiten: Liberalisierung der freien Berufe, zunehmend disruptive Angebote, verändertes Mandantenverhalten, Fachkräftemangel, innovative Steuerberater, branchenfremde Anbieter, die auf den Markt kommen usw..

Dennoch hat der Steuerberater durch seine erstklassige Ausbildung ein Alleinstellungsmerkmal: Er kann Unternehmen ganzheitlich proaktiv beraten.

Was müssen die Kanzleiinhaber heute schon tun, um den Anschluss an die digitale Welt nicht zu verpassen.

Digitalisierung ist Chef-Sache. Sicherlich kann der/die Kanzleiinhaber/In Mitarbeiter zur Umsetzung ins Boot holen, aber in der Kanzlei muss ein klares Bekenntnis zur Veränderung gelebt werden. Bei einer solch weitreichenden Veränderung, die auch Einfluss auf viele gewohnte Kanzleiprozesse hat, muss auch Scheitern erlaubt sein. Es gilt dann vor allem den Mut nicht zu verlieren und dran zu bleiben. Ein schrittweises Vorgehen ist jetzt noch möglich – wer zu lange wartet, kann nur noch reagieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des steuerberatenden Berufes insgesamt und wie werden sich die Aufgabenfelder der Kanzleien zukünftig darstellen? 

Ich knüpfe an das an, was ich bereits als die aus meiner Sicht wichtigste Folge der Digitalisierung für die Steuerberatung angesprochen hatte: Steuerberater können sich wieder stärker dem widmen, was sie als freier Beruf auszeichnet – der Beratung. Durch die heute bereits bestehenden Möglichkeiten lassen sich viele Freiräume schaffen, die genutzt werden können. Vor allem für die Mitarbeiter in der Kanzlei bedeutet das teilweise, dass andere Qualifikationen als bisher notwendig sind. In der Kanzlei fließen alle Daten und Informationen der Mandanten zusammen, intelligente Tools werden viel mehr als bisher Analysemöglichkeiten schaffen, die die Grundlage für proaktive Beratung sein können.

Welche Aufgaben ergeben sich für die Wolters Kluwer Software und Service GmbH daraus?

Wir verstehen uns als Partner der steuerberatenden Berufe und liefern mit intelligenten Lösungen die Basis, um die Produktivität zu erhöhen, sich im Wettbewerb einen Vorsprung zu verschaffen und Mehrwerte für Steuerberater und ihre Mandanten zu liefern. Wir haben uns schon frühzeitig mit den revolutionierenden und oft auch disruptiven Wirkungen der Internet- und mobilen Technologien auseinandergesetzt. Mit der Veranstaltungsreihe ‚move on‘ haben wir vor gut drei Jahren ein sichtbares Zeichen gesetzt, dass wir die Notwendigkeit sehen, die steuerberatenden Berufe zu begleiten, aber auch deutlich auf die Dringlichkeit hingewiesen, sich des Themas anzunehmen. Zwischenzeitlich hat sich die ‚move on‘-Veranstaltungsreihe zu einem Branchenevent für steuerberatende Berufe entwickelt, wenn es um die aktuellsten technologischen Entwicklungen, Innovationen und Trends in der Branche geht.

Die bereits erwähnte Geschwindigkeit in den Entwicklungen, die fortlaufende Forschung mit neuen Technologien und die Ableitung der sich daraus ergebenden Möglichkeiten für die Steuerberatung nimmt bei uns einen hohen Stellenwert ein. Der Austausch mit Kollegen aus Europa und der ganzen Welt ist dabei sehr hilfreich und öffnet Horizonte.

 Wie würden Sie heute die wichtigsten Aufgaben Ihres Unternehmens definieren und wie wollen Sie diese umsetzen? Welche Ziele haben Sie sich persönlich gesetzt? 

Unsere Strategie war schon immer, uns im Markt durch innovative Lösungen, die dem Steuerberater Wettbewerbsvorteile schaffen, klar zu positionieren. Wir verstehen uns als loyalen Partner des Berufsstandes und sehen es als unsere Verpflichtung, unseren Kunden dabei zu helfen, die oben genannten Chancen der Digitalisierung frühzeitig zu nutzen und damit die Risiken zu minimieren. Der intensive Dialog mit unseren Kunden und die umfassende Marktbeobachtung über die Landesgrenzen hinaus nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein. Die Akzeptanz und stark wachsende Nutzung unserer Lösung für die Online-Collaboration ADDISON OneClick zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind und ‚Steuerberatung 4.0‘ bereits Realität ist. Wir arbeiten bereits intensiv an weiteren Lösungsansätzen unterschiedlichster Bereiche, die erneut bahnbrechend sein werden. Einen Teil davon werden wir auf unserer diesjährigen ‚move on‘-Veranstaltung erstmalig vorstellen.

Mein persönliches Ziel ist es, in der gleichen Geschwindigkeit wie in den letzten Jahren neueste Technologien für unsere Kunden durch smarte Lösungen nutzbar zu machen und unseren Kunden, wie oben erwähnt, entscheidende Wettbewerbsvorteile zu schaffen. Damit meine ich nicht nur den Wettbewerb innerhalb der Branche, sondern den wachsenden Wettbewerb, der sich auch durch andere Marktspieler ergibt und zukünftig noch weitreichender ergeben könnte.

Welche weiteren Zukunftsthemen bewegen Sie derzeit? Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in 10 Jahren?

Diese leiten sich aus den Markttrends ab: Nachdem wir in den vergangenen Jahren die Cloud-Technologie für die Online-Collaboration in unser Produktportfolio integriert haben, werden wir diese Lösungen kontinuierlich weiterentwickeln. Weitere Markttrends, die neue Möglichkeiten für den steuerberatenden Berufsstand darstellen, sind: ‚Business Intelligence/Big Data‘ und ‚Artficial Intelligence‘, sprich die neuen Möglichkeiten der Datenanalyse und der automatisierten Erledigung von Aufgaben. Wir streben dabei – wie immer – die Position des innovativsten Anbieters an, der den Nutzen dieser Technologien für die Branche optimal entfaltet.

Welchen Stellenwert hat für Sie die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Steuerberaterverband e.V.?

Wir sehen den DStV als wichtigen Partner und fühlen uns in der Rolle des Innovationstreibers der Branche durch den DStV und die Landesverbände stets gut unterstützt. Wir schätzen sehr die Offenheit und Neutralität des Verbands und pflegen in vielen Regionen sehr freundschaftliche Beziehungen. Gemeinsame Veranstaltungen, die unter anderem in Schleswig-Holstein eine lange Tradition haben, haben diese Verbindung seit Jahren gefestigt.

Wir hoffen für Sie, dass Ihnen Ihr Engagement noch ein wenig Zeit für ein Hobby lässt. Was unternehmen Sie gerne in Ihrer Freizeit?

Ich bin in der glücklichen Situation, dass mir meine berufliche Tätigkeit so viel Freude bereitet, dass eine klare Trennung zwischen Beruf und Freizeit oft gar nicht von mir wahrgenommen wird. Durch die vielen Jahre, die ich bereits in der Branche tätig bin, haben sich sehr viele Freundschaften aus dem beruflichen Umfeld entwickelt. Aber selbstverständlich gibt es Dinge, die ich gerne in meiner Freizeit mache: Ich interessiere mich als Anwender für neue Technologien, probiere diese gerne in einem frühen Stadium aus. So habe ich regelmäßig ein ‚digitales Projekt‘, an dem sich die ganze Familie erfreut. Seit einigen Jahren pflegen meine Lebensgefährtin und ich das Golfspielen als gemeinsames Hobby – auch wenn ich hier noch Verbesserungspotenzial habe, genieße ich diese Zeiten sehr.

 

 

2 Antworten auf „Interview: Digitale Veränderungen anstoßen und umsetzen“

  1. Beste Zusammenfassung zum DIGI -Thema die ich bisher gelesen habe .Macht Lust statt Frust.wann bist Du am Montag für eine kurze Terminabstimmung per Whattsapp o Am besten erreichbar? Würde Dich gerne in einem unserer Webinare, o VideoKonferenzen u Newsletter (mehr als 5000 Abos) als Experte interviewen .

    1. Hallo Dieter,

      freut mich, das zu lesen 🙂 Ja klar, melde mich per E-Mail bei dir, okay?

      Gruß Andreas

Kommentare sind geschlossen.