Steuerberater und Gebührenordnung – ein Relikt?

Preise signalisieren Werte – das gilt oben wie unten, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Hermann Simon. Fragt sich nun, was derjenige ausstrahlt, der seinen Preis auf eine fremde Autorität stützen muss? Oder was eine Leistung wert ist, wenn der Staat dafür sorgen muss, dass sie in einer bestimmten Höhe entgolten wird?

Gebührenordnung ein Relikt?
Preise signalisieren Werte…

Tatsächlich glauben heute nicht wenige Steuerberaterinnen und Steuerberater in Deutschland, dass ihr Berufsstand eine öffentlich verankerte Gebührenordnung nach wie vor ganz dringend braucht. Doch das ist falsch. Denn tatsächlich sind staatlich regulierte Honorare nicht etwa nur ein netter Anachronismus, sie wirken sich sogar ungünstig auf die Höhe des Preises aus – und zwar aus Sicht des Beraters.

Als der Gesetzgeber staatlich vorgegebene Gebühren initiierte, ging er von einer „asymmetrischen Informationsverteilung“ – sprich von dummen Verbrauchern und bauernschlauen Konkurrenten – aus. Es bestehe die Gefahr des Marktversagens, die Qualität käme ins Wanken und am Ende stünde Chaos, argumentieren manche berufsständischen Organisationen noch heute pro StbVV.

Soweit die traditionelle Theorie zum Thema. Dabei zeigt ein Blick auf die Praxis, dass diese wieder einmal bedeutend weiter ist als alles politische Säbelrasseln. Das gilt für die StbVV sogar in zweierlei Hinsicht.

Honorare steigen ohne Gebührenordnung

Denn erstens sinkt der Anteil der stur nach Gegenstandswert und Gebührenverordnung abgerechneten Leistungen in den Kanzleien stetig, wie die STAX-Umfrage der Bundessteuerberaterkammer belegt. So stieg im untersuchten Zeitraum der letzten veröffentlichten Umfrage zwischen 2011 und 2014 der Anteil der Vergütungsvereinbarungen um vier Prozent zulasten der Abrechnung über StbVV. Vor allem die größeren Kanzleien und Sozietäten bedienen sich immer öfter auch anderer Formen wie der Zeit- oder Pauschalgebühr.

Außerdem gilt: Je jünger die Kanzlei, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie nicht überwiegend nach Vergütungsverordnung abrechnet: Während 43 Prozent der über 60-jährigen Berater fast ausschließlich mittels StbVV ihr Honorar festlegen, liegt dieser Anteil bei den 40- bis 50-Jährigen nur bei 35 Prozent. Wenn die Tabellen strapaziert werden, dann zumeist bei Privatmandanten, weniger bei Geschäftskunden. Wer nun den jüngeren Repräsentanten des Berufsstands nicht direkt selbstverderbendes Geschäftsgebaren unterstellt, muss an der unbedingten Notwendigkeit der StbVV also zweifeln.

Den zweiten – vielleicht noch wichtigeren – Anlass dazu gibt der Blick auf eine Reihe von Ländern, die ganz ohne Regulierung der Preise auskommen, mit durchaus interessanten Ergebnissen. So schaffte Österreich seine Honorarordnung für Steuerberater schon im Jahr 2006 auf Betreiben der dortigen inländischen Wettbewerbsbehörde hin ab. Berater und Mandanten vereinbaren seither die Beratungsentgelte vollkommen frei. In der Folge stiegen die Honorare für Steuerberater zunächst an, ehe sie sich schließlich auf einem Niveau konsolidierten, das dem vorherigen in etwa entsprach.

Was in Österreich mit den Steuerberaterhonoraren funktionierte, geschah andernorts mit den Anwaltsgebühren: Wurden etwa in den Niederlanden oder in England durch Liberalisierungsanstrengungen Preissenkungen angestrebt, blieb genau dieser Effekt aus – im Gegenteil stiegen die Preise teilweise auch in diesen Fällen.

Deshalb, liebe Steuerberaterinnen und Steuerberater, blicken Sie frohen Mutes nach Brüssel, wenn von dort wieder einmal die Forderung laut wird, ihre Gebührenordnung gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte. Rufen Sie den Wettbewerbshütern zu: „Aber bitte bald – denn der Markt wird nicht versagen.“ Protektionismus wird den Wert nicht schützen, sondern in Wahrheit eher dazu führen, dass der Wert der erbrachten Leistung zu gering entgolten wird. Also: „Her mit der Freiheit – denn wir sind unseren Mandanten mehr Wert, als es die StbVV vorgibt.“